Was passiert, wenn man mal wieder eine der alten Festplatten im Büro durchwühlt? Man findet ganz alte Texte und wundert sich, dass man das einmal geschrieben hat. In diesem Fall haben ich einen 14.000 Zeichen-Riemen über Landschaftsarchitektur gefunden. Das habe ich mal für eine Beilage der Financial Times Deutschland geschrieben. Ich habe sechs Versionen davon im Archiv, und wenn ich es richtig sehe, musste ich am Schluss den Einstieg in den Lauftext neu schreiben. Nun ja, ich wähle hier meine ursprüngliche Version, schließlich gibt es die FTD ja auch schon lange nicht mehr, was schade ist und nicht nur daran liegt, dass die Redakteure seltsame Einstiege in Lauftexte verlangt haben, aber man kann sich dem Lauf der Zeit nicht ewig widersetzen. Print stirbt, und damit (weitgehend) auch der 14.000-Zeichen-Riemen, für den man durch ganz Deutschland telefoniert hat. (Sorry, bin gerade etwas nostalgisch.)

Eine Recherche zum Zustand des deutschen Gartens

(2004 geschrieben, aber eigentlich hat sich nicht viel verbessert, eher verschlimmert, wenn man an die ganzen Schottergärten denkt.)

 

Mehr Stil, bitte!

Hinter deutschen Hecken herrschen Langeweile und ästhetisches Chaos, klagen Experten. How to spend it fragte Deutschlands führende Gartenarchitekten nach dem Zustand deutscher Gartenkultur. Und nach dem perfekten Garten.

Gärten sind Räume für die Seele. Hier kann man aufatmen, Ruhe finden und Zeit genießen. Eigentlich. Aber wenn Alexander Koch durch die Vorstädte Süddeutschlands fährt, erkennt er nichts mehr von diesem tieferen Sinn, den Menschen aller Kulturen und Zeiten in ihren Gärten gesehen haben. Sein Blick gilt den vielfältigen Geschmacksverwirrungen, die ihm aus den Gärten und Vorgärten der Wohnsiedlungen entgegenspringen. „Die Gärten unserer Vorstädte sind einfach grauenhaft“, urteilt Koch. Er gilt als einer der führenden deutschen Gartengestalter.

Während sich die Reihen- und Einfamilienhäuschen ein uninspiriertes Einerlei präsentieren, gerieten die nicht bebauten Teile des Grundstücks zum individuellen Experimentierfeld. Frei nach dem Motto „Garteln kann jeder“ stehen dem Dilettantismus alle Gartenpforten offen: Nackte Drahtzäune vor dunklem Fichtengestrüpp, gigantische Sichtschutzwände wie an Autobahnen, sinnfreie Pergolen, Beete ohne Blüten – Beispiele für Hobbygärtners Lieblingssünden finden sich schnell. Meist genügt ein Blick über Nachbars Stacheldraht-bewehrten Gartenzaun. Hauptsache, die Rasenkanten sind sauber abgestochen, vor allem an der Garageneinfahrt aus Waschbeton.

„Hier herrscht nur noch Baumarkt-Chaos“, schimpft der für seine Detailversessenheit bekannte Landschaftsarchitekt vom Ammersee, der mit seinen Kunden auch mal nach Hamburg fliegt, um eine besondere Pflanze auszusuchen. Etwa die 45 Jahre alte Bonsai-Kiefer, die er in die Terrasse eines Hauses am Tegernsee gepflanzt hat. Hier hat Koch auf 400 Quadratmetern einen japanischen Garten angelegt, der auch wegen des freien Blicks auf den See und das Oberbayrische Gebirge seinesgleichen sucht.

Bei Projekten wie diesen kommt es vor allem auf das Material an: Granit aus dem Bayrischen Wald, eine Wasseraue aus Japan, Bambuswände, die in japanischer Art miteinander verknotet sind. Und natürlich sind die Pflanzen ausgewählte Einzelstücke aus den besten Baumschulen des Landes: die obligatorische Mädchenkiefer etwa, oder der japanischer Fächerahorn. Jedes Detail ist wichtig, denn die Regeln, die einem japanischen Garten zugrunde liegen, sind bei der Gestaltung lediglich eine Art Grundraster. Der eigentliche Garten entsteht erst beim Bauen. Kulisse für Kulisse werden die Elemente – Steine, Kiesflächen., Bäume, Umgebung – zueinander in Beziehung gesetzt. Bis alles harmoniert. Eine Mischung aus Wissen, Können und Intuition, für die Koch keine Mühen scheut. „In so einem Garten hat jeder Stein und jedes Moos seinen bewusst gesetzten Platz“, sagt der Gartenarchitekt. Kein Wunder also, wenn es ihn beim Anblick eines normalen Vorstadt-Gartens gruselt.

Und Koch ist mit dieser Auffassung keineswegs allein. Einige hundert Kilometer nördlich, im rheinischen Meerbusch, findet Klaus Klein fast identische Worte: „Jeder sucht sich zusammen, was es im Baumarkt und im Gartencenter zu kaufen gibt“, sagt der Mitinhaber des renommierten Büros Weber, Klein, Maas. Sinn für Proportionen, Materialien und Pflanzen – Fehlanzeige. Kein schöner Garten weit und breit.

Der größte Wunsch des Landschaftsarchitekten: Mehr Stil, bitte! Und zwar in allen Gärten, auch dort, wo sich niemand den professionellen Gestalter leisten kann.

Neidische Blicke über den Kanal

Sind die Deutschen wirklich so schlechte Gärtner? Brauchen wir Nachhilfe in Gartengestaltung? Die Landschaftsarchitekten weisen stets in eine Richtung: nach Westen, über den Ärmelkanal. „In England stolpern Sie von einem wundervollen Garten in den nächsten“, schwärmt Alexander Koch, „da stehen sogar ganze Regionen unter Denkmalschutz!“ Kein Wunder, sind doch die Briten seit Jahrhunderten so verrückt auf ihr Grün wie kein anderes Volk. Schon der Philosoph, Schriftsteller und Politiker Francis Bacon (1561 – 1626) entwarf kurz vor seinem Tod eine Anleitung für den perfekten Garten. Und stellte sein – bis heute vermutlich meistzitiertes – Werk von Anfang an in einen quasi metaphysischen Kontext: „Gott der Allmächtige pflanzte zuerst einen Garten, und in der Tat ist dies die reinste aller menschlichen Freuden: Es ist die größte Erfrischung für den Geist des Menschen.“ Anschließend schildert Bacon detailliert, mit welchen (knapp 100) Pflanzen das gesamte Jahr zum ewigen Frühling wird, dass Veilchen in der gefüllten weißen Variante den lieblichsten Wohlgeruch entfalten, warum Springbrunnen eine Zierde sind und wieso Teiche das Gartenvergnügen verderben: weil sie Fliegen und Frösche beherbergen. Auch wenn viele Urteile des Philosophen veraltet klingen mögen, so hatten sie doch in seinem Heimatland eine Wirkung, die bis in die Gegenwart zu spüren ist. Heute ist „Gardening“ ein Volkssport in England, ein zur Kunst entwickelter Gestaltungswille, der mit dem Stilgefühl des alten Empire auch auf kleinstem Raum prächtige, blütenreiche Refugien hervorbringt.

Doch was kann man hier zu Lande davon lernen, außer der Leidenschaft?

Gordon Evans rät zur Vorsicht. „Der Stil eines typischen englischen Gartens ist wesentlich konservativer als in Deutschland“, sagt der britische Gartenarchitekt, „die sehen immer noch so aus wie in der so genannten Goldenen Ära in den 1930er Jahren“.

Evans kennt beide Gartenkulturen. Bis 1992 arbeitete er in England, dann ging er nach Hamburg, um bei dem bekannten Gartenarchitekten Uwe Isterling anzuheuern. 1999 übernahm er gemeinsam mit Dirk Junker das Isterling-Büro, und damit eine Art Planungshoheit über die teuersten Grundstücke der Hansestadt. Denn wo es um die noblen Stadtvillen an Alster und Elbe besonders schön blüht, hatten vermutlich Uwe Isterling und seine Nachfolger die Hände im Spiel. Hier, wo es der Klientel bei der Gestaltung eines Gartens nicht ums Geld geht, haben Gartenarchitekten alle Möglichkeiten, „perfekte Gärten“ zu realisieren.

Aber am Geld liegt es offenbar nicht: In der internationalen Landschaftsarchitektur-Szene werden selbst die Arbeiten der deutschen Top-Gestalter nur selten beachtet. Sie gelten vielfach als zu bieder und wenig experimentierfreudig. Woran liegt das?

Im Garten werden Bauherren konservativ

„Ich erlebe es immer wieder, dass Auftraggeber zuerst etwas ganz Modernes in ihrem Garten haben möchten, dann aber Schritt für Schritt zurückweichen“, berichtet Gordon Evans – „obwohl sie durchaus avantgardistisch eingerichtet sein können.“ Er vermutet, dass der Garten emotional tiefer verwurzelt ist, und Menschen daher auf bekannte Muster zurückgreifen. Ein geradezu paradoxes Beispiel ist für den Gartenarchitekten der Trend zu japanischen Gärten, die seit einiger Zeit als Inbegriff fortschrittlicher Gartengestaltung gelten. „Das ist nun wirklich alles andere als modern, dahinter steht eine 2000jährige Tradition.“

Doch es sind nicht nur die Auftraggeber, auch die Gestalter scheuen allzu radikale Entwürfen. Klaus Klein etwa findet es „sehr geschmäcklerisch“, wenn Landschaftsarchitekten mit aller Macht versuchen, etwas besonders Originelles zu schaffen. Zum Beispiel, indem sie einfach eine Ladung Splitt um einen Teich verteilen. „Was auf einem Foto im Architectural Digest toll aussieht, geht oft an den Bedürfnissen der Leute vorbei“, meint Klein. Sein Credo: „Gärten haben vor allem etwas mit Pflanzen zu tun.“

Und mit Menschen. Keiner der renommierten Gestalter geht ohne die Besitzer ans Werk. Den perfekten Garten vom grünen Tisch aus zu planen, wie einst Francis Bacon? Darüber schütteln die Profis von heute den Kopf. „Die schönsten Gärten entstehen doch im Gespräch mit den Auftraggebern“, sagt Klaus Klein. Und Alexander Koch hat jüngst einen Geld-spielt-keine-Rolle-Auftrag auf Mallorca abgelehnt, weil er den Eigentümer der Riesen-Finca niemals zu Gesicht bekommen hätte. „Gartenplanung ist eine sehr persönliche Angelegenheit“, findet er, „da reicht es nicht, mit einem Sekretär über das Honorar zu verhandeln“.

Nur selten gelingt ein großer Wurf

Deutsche Gartengestalter verstehen sich also eher als Dienstleister, weniger als Künstler. Gordon Evans hat kein Problem damit, „ein Chamäläon“: Der Kunde soll sich ja mit seinem Garten wohl fühlen.

Eine Aussage ganz nach dem Geschmack von Gisela Fleig-Harbauer. Die Landschaftsarchitektin aus dem badischen Waldkirch wurde gerade in einem Wettbewerb vom Bund Deutscher Landschaftsarchitekten (BDLA) und der Architektur-Zeitschrift „Häuser“ ausgezeichnet. Ihr preisgekrönter Entwurf: Für eine Jugendstilvilla mit modernem Schwimmbad-Anbau entwickelte sie ein Heckentheater aus Eiben, Buchskugeln und geschnittenen Linden, in dem Anemonen, Funkien, alte englische Rosen und Lavendel als blühende Akteure auftreten. Sie realisierte interessante, mit dem Haus in Beziehung stehende Raumkulissen. In den klaren Gestaltungslinien spiegeln sich nicht nur alte Gartenfragmente, sondern auch die Vorlieben der Gartenarchitektin. „Ich mag Gärten, die mit wenigen Gestaltungsmitteln auskommen“, sagt Gisela Fleig-Harbauer. Eine ihrer Inspirationsquellen sind deshalb skandinavische Gärten, die schon aus klimatischen Gründen weniger üppig ausfallen.

Die aktuellen Trends

Dass die transparente, zeitlose und dennoch ein wenig nostalgisch anmutende Gestaltung von Gisela Fleig-Harbauer in einem prominent besetzten Wettbewerb ausgezeichnet wurde, hat mehrere Gründe. Erstens ist ihr ein hervorragender, auf die Architektur des Hauses abgestimmter Entwurf gelungen. Zweitens musste sie nur wenig Konkurrenz aus dem Feld schlagen. „Die Anzahl der Beiträge, die etwas Bedeutendes darstellten, war gering“, kommentierte Christof Luz, Vizepräsident des BDLA, missmutig. Womit die Veranstalter ihre These bestätigt sahen, dass „hervorragend gestaltete Hausgärten in Deutschland ein Schattendasein fristen“.

Drittens passt ihr Entwurf in die Zeit, in der gesellschaftliche Unsicherheit Rückgriffe auf Bekanntes provoziert. Die Generation der Babyboomer, die jetzt den Wert ihrer privaten Grünräume entdeckt, lässt hier auch die eigene Kindheit wieder aufleben. „Denken Sie mal an typische Gartendüfte, und dann überlegen Sie, an was Sie sich erinnern: wahrscheinlich an den Garten Ihrer Großeltern“, sagt Klaus Klein. Der Gartenarchitekt merkt immer öfter, dass Auftraggeber dieses sinnliche Erlebnis erwarten. (Leider ist vielen Gartenpflanzen der Duft abhanden gekommen, weil sie vor allem auf Form und Farbe hin gezüchtet wurden. „Es gibt derzeit einen echten Run auf alte französische Rosensorten“, berichtet Klein, „weil sie noch einen sehr intensiven Duft verbreiten“. )

Auch sonst erkennt der Landschaftsarchitekt den Trend zum Retro-Design. „Sogar Gärten im Stil der 1950er Jahre sieht man immer öfter“, stellt er fest. Also just aus jener Zeit, als die Leitenden Angestellten von heute ihre ersten Gehversuche auf Omas Rasen unternahmen. Hier standen zwischen den schnurgeraden Wegen noch alte Obstgehölze. Birnen, Äpfel, Kirschen und Pflaumen konnte man im Spätsommer einfach von den Ästen pflücken. Gepflanzt zur Selbstversorgung nach dem Krieg, verschwanden die Obstbäume nach und nach, um leergefegten Rasenflächen und vor sich hin modernden Teichen Platz zu machen. Wer hatte schließlich noch Lust, das Fallobst zu sammeln und das Laub aus dem Garten zu fegen? Heute holen Gartengestalter wie der Schweizer Szene-Star Enzo Enea genau diese alten Gehölze wieder in ihre sündhaft teuren Luxus-Gärten.

Doch mit der Retro-Welle alleine sind die Trends der Gartengestaltung nicht vollständig beschrieben. Was vor allem auffällt, ist die Renaissance der klaren Linien, die in den aktuellen Gestaltungen zum Ausdruck kommt. Weg vom wuseligen Öko-Look vergangener Jahrzehnte, hin zu den Rechtecken, wie sie auch in der Architektur wieder en Vogue sind. Mehr Stil, bitte: Anzug statt Latzhose!

Was einen „perfekten Garten“ ausmacht

Für Gartenarchitekten sind Einfachheit und Klarheit die Grundbedingungen eines stilvollen Gartens. Nicht umsonst steht der japanische Stil so hoch im Kurs: In zwei Jahrtausenden haben die Zen-Gärtner einen unvergleichlichen Sinn für Räume und Proportionen entwickelt. Doch auch in der europäischen Tradition werden die Meister des Understatements wieder in den Blickpunkt gerückt. Gordon Evans etwa schätzt die Entwürfe des Belgiers Jacques Wirtz. Der ist vor allem bekannt für seinen Platz vor der Louvre-Pyramide und die Neugestaltung des Schlossparks von Chaumont-sur-Loire, wo in jedem Jahr das wichtigste Gartenfestival Frankreichs stattfindet. Wirtz hat aber auch zahlreiche Privatgärten in ganz Europa gestaltet, deren minimalistische Modernität gerade erst wieder entdeckt wird.

Die wichtigste Bedingung für einen perfekten Garten kann allerdings kein noch so ambitionierter Gestalter herbei schaffen: Zeit. Erst nach vielen Jahren entwickelt ein Garten jene Reife, die Vollkommenheit bedeutet. Wie bei einem guten Wein. „Wir können zwar rein technisch einen Garten anlegen, der 30 Jahre alt ist, aber ihm fehlt die Patina, die ein natürlich gewachsener Garten in dieser Zeit angesetzt hätte“, beschreibt Gordon Evans die Grenzen der Gartenkunst. Ohnehin müsse sich jeder selbst sein irdisches Paradies schaffen. So wie man einem Haus sofort anmerkt, dass es unbewohnt ist, bleibt auch ein unbewohnter Garten abweisend und kalt. Erst durch die leitende Hand eines Menschen, der über Jahrzehnte mit seinem Garten lebt, entwickeln die Pflanzen, Beete und Dinge jene Beziehung untereinander, die wie ein geheimer Zauber wirken. Das bedeutet viel Arbeit am Grün, versteht sich. Aber das ist schließlich, wissen wir seit Francis Bacon, „die größte Erfrischung für den Geist des Menschen“.

 

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