2019

Vor ein paar Tagen saßen wir in unserem Gemeinschaftsbüro zusammen und sprachen über Mobilität. Dabei stellten wir fest: Von unseren vier Familien haben zwei gar kein Auto mehr, eine noch ein halbes und eine (meine) zwar noch ein ganzes, das aber kaum genutzt wird und unter rationalen Gesichtspunkten abgeschafft werden müsste. Nun sind wir vier nicht repräsentativ, das sieht man jeden Tag auf den von lächerlichen SUVs verstopften Hamburger Straßen, aber ich finde das schon erstaunlich. Das veränderte Mobilitätsverhalten, von dem viele Wissenschaftler reden, gibt es wirklich. Gerade in einer Stadt wie Hamburg, die über einen gut ausgebauten und weitgehend funktionierenden ÖPNV verfügt.

Kein Auto, kein Problem!

Der Verzicht auf ein eigenes Fahrzeug könnte demnächst noch leichter fallen, wenn in Hamburg der Ridepooling-Dienst MOIA startet. Die VW-Tochter will im Frühjahr 500 speziell designte E-Transporter auf die Hamburger Straßen bringen und damit eine Alternative zwischen ÖPNV und klassischem Taxi etablieren. Hamburg wird die erste MOIA-Stadt sein, und von hier aus will der Dienst natürlich expandieren. Das ist eine spannende Entwicklung, und keineswegs konfliktfrei. Die heimischen Taxifahrer stehen auf den Barrikaden, weil sie ihr Geschäftsmodell bedroht sehen.

Streitgespräch zu Mobilität moderiert

2018 habe ich für das Magazin der Handelskammer Hamburg dazu ein Gespräch zwischen Taxiunternehmer Orhan Tasbilek und MOIA-COO Robert Henrich moderiert. Ich bin extrem gespannt, wie sich die Situation 2019 entwickeln wird. Hamburg, die selbsternannte „City of Solutions“ und Ausrichterin des ITS Weltkongresses 2021, könnte tatsächlich zur Vorreiterin für smarte Mobilitätskonzepte werden. Ich hoffe aber auch, dass die etablierten Taxiunternehmen hier auch weiterhin ihre Kunden finden werden. Ich befürchte allerdings, dass die kleinteilige Struktur des Taxigewerbes dazu führt, vorhandene Innovationspotenziale nicht zu sehen.

 

Mobilität

Streitgespräch Taxigewerbe und MOIA Mobilität

2019, das Jahr, in dem das Auto beginnt zu verschwinden

Die Zeichen stehen bereits an der Wand. Eine Mehrheit der Hamburger hat sich kürzlich dafür ausgesprochen, dass die Innenstadt autofrei wird. Über den Dieselskandal muss man nicht mehr viele Worte verlieren. Die Fahrverbote auf zwei Hamburger Straßen sind eine tägliche Warnung. Und ich glaube, immer mehr Menschen wollen einfach nicht mehr, dass die ganze Stadt dem Automobil gehört. Das neue Motto ist: „Prioritize people over vehicles.“

Deshalb wird 2019 vielleicht das entscheidende Jahr werden, um die Verkehrswende voranzutreiben. Im Sinne des Klimaschutzes, im Sinne der Lebensqualität, im Sinne des technologischen Fortschritts, der uns neue Möglichkeiten reibungsloser Mobilität zur Verfügung stellen wird. Um aus einem Text zu zitieren, den ich 2018 ebenfalls für das Magazin der Handelskammer geschrieben habe:

Hamburg ist weiter als andere: Schon ein oberflächlicher Blick auf die Verkehrsprojekte in Hamburg macht Hoffnung: Da sind die geplante neue U-Bahn-Linie U5, der Ausbau zur Fahrradstadt, die Förderung von Car-Sharing-Angeboten, die angestrebte Elektrifizierung der Busflotte, die Busbeschleunigung, der Ausbau der Ladestationen, ein neues 5G-Netz für den Hafen, um zum Beispiel autonomes Fahren zu ermöglichen, eine geplante Teststrecke für autonomes Fahren in der HafenCity, die Auslobung der Stadt zum DigitalHub für die Logistikbranche, das erfolgreiche Fahrradleihsystem, oder die switchh-App, mit der Nutzer zwischen verschiedenen Angebotenen wechseln können. Mit etwas Abstand betrachtet, zeichnet sich ein neues Bild für den Verkehr in der Stadt ab.

Über jeden der aufgezählten Punkte lässt sich natürlich diskutieren und streiten. Auch deshalb erwartet uns hier ein aufregendes Jahr, und es bietet neue journalistische und mediale Chancen.

Städte müssen grüner werden

Und das führt direkt zum zweiten Punkt, der 2019 noch richtig spannend werden wird: Was machen wir mit der Stadt, wenn das Auto endlich verschwindet? Die Antwort ist eigentlich klar: Wir brauchen mehr qualitativ hochwertigen Stadtraum, und zwar für Menschen und für die Artenvielfalt. Der Hitzesommer 2018 hat uns vor Augen geführt, wie sich die Zukunft in der Stadt entwickeln wird. Wir brauchen unbedingt mehr Grün, um die Folgen des Klimawandels (Hitze, Starkregen etc.) zu mildern. Und wir brauchen vor allem besseres Grün, denn die Stadt sollte ein Hort der Artenvielfalt sein. Die Diskussion um das Insektensterben dürfte 2018 dann auch den Letzten erreicht haben.

Doch was ist wertvolles Grün?

Diese Frage wird Hamburg und andere Städte immer mehr beschäftigen. Weil NIMBYs die Weiterentwicklung der Stadt verhindern wollen. Weil im Namen der Natur sowieso jedes Infrastrukturprojekt, ob sinnvoll oder nicht, blockiert wird. Weil das typische Abstandsgrün nicht mehr ausreicht. Weil die Menschen und die Grünflächenämter fortfahren, „Gärten des Grauens“ und andere ökologische Wüsten zu errichten, nur um ja keine Pflegearbeit machen zu müssen. Weil wir die Biodiversität fördern sollten, nicht den grünen Einheitsbrei der Vergangenheit. Wir brauchen dringend eine grüne Aufklärung, auch und gerade auf Ebene der Entscheider in Kommunen, Wohnungsbaugesellschaften etc.

Deswegen sollte 2019 das Jahr der grünen urbanen Revolution werden. Machen wir es einfach. Venceremos!

 

 

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