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World Mayor Prize für Bart Somers

Mechelens Bürgermeister Bart Somers | © Torsten Meise

Wie gelingt Integration? Mechelens Bürgermeister Bart Somers hat in den letzten 16 Jahren eine Antwort gefunden – und sie gefällt nicht jedem. Seine kulturelle Offenheit verprellt die Konservativen, sein Eintreten für „Zero Tolerance“, Überwachung und saubere Straßen die Linken. Doch das Resultat seiner Doppelstrategie ist erstaunlich: Während in den Nachbarstädten Brüssel und Antwerpen hunderte Jugendliche für ISIS in Syrien kämpfen, ist niemand aus seiner Stadt diesem Beispiel gefolgt. Und das trotz eines sehr hohen Ausländeranteils. Hat er eine Erfolgsformel gefunden? Viele Beobachter sehen es so, denn Bart Somers hat am 14. Februar 2017 den World Mayor Prize 2016 erhalten. Damit ist er so etwas wie der Welt-Bürger-Meister des Jahres.

Mechelens Bürgermeister Bart Somers | © Torsten Meise

Vorbild: Mechelens Bürgermeister Bart Somers | © Torsten Meise

Ich hatte im Dezember 2016 Gelegenheit, Bart Somers im Europäischen Parlament in Brüssel zu interviewen. Der liberale Politiker nahm hier an einer Plenarsitzung des Ausschusses der Regionen teil. Ein wenig musste das Gespräch zwischen Tür und Angel stattfinden, aber trotzdem hat sich Bart Somers am Ende fast eine Dreiviertelstunde Zeit genommen. Aus dem Gespräch ist ein Porträt für Zeit Online entstanden. An dieser Stelle poste ich noch einmal ein paar Ausschnitte aus dem Interview, weil ich seine Aussagen so bemerkenswert finde.

 

Belgiens Mr. Zero Tolerance

 

Herr Somers, nach den Anschlägen von Paris und Brüssel ist Belgien als Heimat zahlreicher Attentäter in den Fokus der Öffentlichkeit geraten. Viele wohnten in Brüsseler Vororten. Warum ist Ihre Stadt Mechelen dabei etwas Besonderes?

Der Großraum Brüssel/Antwerpen hat 3,5 Millionen Einwohner. Mechelen liegt genau in der Mitte, hat 90 000 Einwohner und ist eine sehr multikulturelle Stadt mit 128 Nationalitäten. 20 Prozent der Einwohner sind Muslime, die meisten aus Marokko und Nordafrika. Unsere Region stellt 8 bis 10 Prozent der insgesamt rund 5000 Europäer, die für ISIS in Syrien kämpfen. 93 kommen aus Antwerpen, 198 aus Brüssel, 28 alleine aus Vilvoorde, einer Nachbarstadt, die nur halb so groß ist wie Mechelen. Und aus meiner Stadt? Niemand!

Hat das damit zu tun, dass Sie in Belgien als „Mr. Zero Tolerance“ gelten?

Vor 15 Jahren hatte Mechelen einen sehr schlechten Ruf. Es war die dreckigste Stadt Belgiens, hatte eine hohe Kriminalitätsrate, leere Geschäfte, die Menschen aus der Mittelschicht verließen die Stadt. Die einzigen, die noch in die Stadt zogen, waren Alte, Arme und Migranten. Heute ist es genau umgekehrt, Mechelen ist eine der attraktivsten und am schnellsten wachsenden Städte in Flandern, sauber und sicher.

Und das schützt Menschen davor, sich zu radikalisieren?

Unser Erfolg steht auf zwei Beinen. Zum einen war und bin ich sehr strikt in Fragen der Sicherheit. Wir haben mehr in die Polizei investiert und haben mehr Kameras im öffentlichen Raum als jede andere Stadt in Belgien. Und wenn es notwendig ist, benutzen wir auch das Zero-Tolerance-Konzept, aber nicht immer. Das zweite Standbein ist jedoch Integration. Wir versuchen, Isolation und Radikalisierung zu verhindern, zu einem sehr frühen Zeitpunkt. Radikalisierung funktioniert wie eine Sekte. Junge Menschen schauen zu einem Vorbild auf und bekommen gesagt, es sei schlecht, Freunde zu haben, die keine Muslime sind. Und dann heißt es, die muslimischen Freunde seien nicht gut, weil sie nicht dem wahren Glauben folgen. Am Ende werden die Jugendlichen vollkommen isoliert und manipuliert. Prävention ist die beste Möglichkeit, dies zu verhindern.

Was genau tun Sie?

Wir müssen Menschen dazu bringen, zuzuhören. Das kann der Lehrer sein, ein Freund, der Trainer im Boxclub. Wir benötigen Vertrauen in der Gesellschaft. Wenn jemand sieht, dass ein Jugendlicher gefährdet sein könnte, kann er ins Rathaus kommen und weiß, dass der Bürgermeister die Familien dieser Jugendlichen als Opfer und als Verbündete sieht. Sie können auch zur Polizei gehen, weil die Polizei kein Feind ist. Vor allem aber akzeptiere ich die Vielfalt als die neue Realität des 21. Jahrhunderts. Darin müssen wir uns alle integrieren. Ich bin Mechelener in der 14. Generation, aber ich habe deshalb keinen Besitzanspruch. Ich bin die erste Generation, die in einem multikulturellen Mechelen wohnt, und es ist meine Stadt genau so wie es die Stadt von Mohammed ist, der erst seit einigen Jahren hier lebt.

Wie ist ihre Stadt mit den Anschlägen in Brüssel umgegangen, die ja beinahe vor Ihrer Haustür stattgefunden haben?

Viele Einwohner von Mechelen arbeiten am Flughafen Zavendem, wo eines der Attentate stattfand. Ich bin am Freitag danach in die größte Moschee der Stadt gegangen, wo tausend muslimische Bürger versammelt waren, und habe eine Rede gehalten. Ich habe gesagt, „Sie sind doppelt Opfer geworden“. Einmal, wie alle anderen, als Bürger, die Angst haben, ermordet zu werden. Aber zweitens auch als Muslime, deren Identität, Religion und Kultur von Terroristen gekidnapped wurde. Sie müssen jetzt erklären, wie und warum sie sich von den Terroristen unterscheiden. Und ich habe gesagt, dass ich ihnen vertraue, dass ich auf ihrer Seite bin und wir uns gegenseitig helfen müssen.

Null Toleranz und Multikulti – Artikel bei Zeit.de | Screenshot

Null Toleranz und Multikulti – Artikel bei Zeit.de | Screenshot

 

„Mr. Tolerance“– Vorbild für Integration

 

Was haben Sie in der Stadt verändert, um Integration zu fördern?

Ein wichtiges Element meiner Politik ist, alles zu tun, um Ghettoisierung zu verhindern. Zu viele Städte in Europa sagen, sie würden die Vielfalt lieben, aber tatsächlich leben sie eben nicht in einer vielfältigen Stadt. Wir leben in Archipelen aus monokulturellen Inseln. Wir leben getrennt, in einer Art Apartheidssystem. Wir sind einander fremd.

Das beginnt bereits bei der Frage, in welche Schule unsere Kinder gehen. Wir haben in Mechelen eine Initiative gestartet, um die Eltern der weißen Mittelschicht davon zu überzeugen, ihre Kinder in die Schule um die Ecke schicken, auch wenn dort der Migrantenanteil sehr hoch ist. So etwas funktioniert nur, wenn sie viele Eltern auf einmal überzeugen, und dann sorgt man für einen Wandel. Wir haben das an vier Schulen geschafft, weil wir garantiert haben, dass wir die Qualität dieser Schulen steigern. Aber wir gehen auch zu den Schulen der weißen Mittelschicht und sagen: Es ist schlecht, wenn weiße Kinder keine farbigen Freunde haben. Wir haben in den Sportvereinen den Ehrgeiz gefördert, Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund zu integrieren. Im Fußballverein oder im Boxclub hilft man den Kindern und Jugendlichen auch bei den Hausaufgaben. Und dann müssen die Kids ihre Arbeiten und Zeugnisse zeigen. Und wenn sie nicht gelernt haben, dürfen sie zwei Wochen lang nicht mitspielen.

Ghettoisierung zu verhindern ist auch eine Aufgabe der Stadtentwicklung, was haben Sie in diesem Bereich getan?

Ich habe versucht, möglichst vielfältige Nachbarschaften zu schaffen. Ich habe in armen Vierteln viel in den öffentlichen Raum investiert. Wo andere Städte Vandalismus-resistente Materialien verbauen, haben wir nur die besten Materialien benutzt, die auch in besseren Vierteln und auf unserem großen Marktplatz stehen. Vielleicht stellen wir ein paar mehr Kameras auf und brauchen etwas mehr Polizei, aber wir respektieren alle Einwohner als echte Bürger. Und was ist passiert? Die Mittelschicht ist in diese Viertel zurückgekehrt. Und was macht die? Sie setzt das Viertel auf die politische Agenda, weil es das soziale Kapital dafür hat. Und nach der Schule gehen die Kinder der Mittelschicht erst einmal nach Hause und machen ihre Hausaufgaben. Das sehen die Eltern aus der Nachbarschaft, die vielleicht einen anderen Anspruch haben. Und dann sagen sie ihren Kindern, dass sie das auch so machen sollen, schließlich gehen alle auf die gleiche Schule. Im Endeffekt schaffen wir Sozialarbeiter, die wir nicht bezahlen müssen.

 

Integration ist ein langer Prozess

 

Wie sehen Ihre Bürger das?

Viele Linke kritisieren mich, weil ich für Sicherheit, saubere Straßen und die Durchsetzung des Rechtsstaates sorge. Die Konservativen stören sich daran, das ich Wert auf Integration und Gleichberechtigung lege und eine strenge Antidiskriminierungslinie verfolge. Ich benötige eine offene Gesellschaft, aber die bekomme ich nur, wenn ich für die Einhaltung der Gesetze sorge. Das ist ein langer Prozess, und nicht jede Diskussion ist einfach. Ein Beispiel: Die Muslime hatten den Wunsch, mit dem Kopf Richtung Mekka begraben zu werden. Das war ein großes Problem für viele Bürger. Es hat zehn Jahre gedauert, bis wir den Friedhof entsprechend einrichten konnten. Aber wir haben es geschafft. Warum auch nicht, wo ist das Problem? Wenn jemand so begraben werden will, bitte schön.

Auch andere Städte wie Brüssel investieren in kritische Nachbarschaften und starten soziale Programme. Wie erklären Sie sich, dass aus anderen Städten trotzdem so viele Jugendliche nach Syrien gegangen sind?

Ein Fehler, den viele machen, ist das Denken in Gruppen. Wir müssen aufhören, von „uns“ und „ihnen“ zu reden. Viele Städte glauben, soziale Probleme lösen zu können, indem sie einzelne Gruppen ansprechen. Das Gruppendenken fördert die monokulturellen Nachbarschaften. Sie bekommen ein Klein-Marokko oder ein Klein-Afghanistan. Die Nachbarschaften werden dann geschlossene Gesellschaften. Das muss man aufbrechen, man muss die Ghettos abschaffen, die Menschen emanzipieren. Man muss aufhören, Migranten in eine Ecke zu stellen, man muss sie als echte Bürger behandeln. Und Schritt für Schritt schafft man dann Vertrauen und kann eine Stadt mobilisieren.

 

© für das Interview: Torsten Meise