Cover concepts 2 2014

Aus dem Kundenmagazin concepts by Hochtief, Ausgabe 2/2014.

Diese Ausgabe von concepts erhielt „Gold“ beim Wettbewerb Best of Corporate Publishing 2015.

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Unter die Haut

Der große Konzertsaal der Hamburger Elbphilharmonie trägt den Stempel des japanischen Akustikers Yasuhisa Toyota. Während im Innenraum die für die Akustik entscheidende „Weiße Haut“ entsteht, achtet der Perfektionist persönlich auf jedes bauliche Detail.

Text: Torsten Meise

Cover concepts 2 2014

Cover concepts 2 2014

Yasuhisa Toyota ist ein Meister des Klangs. Einer der ganz wenigen Menschen, die einen Raum erschaffen können, in dem die anspruchsvollsten Musiker der Welt gerne Platz nehmen, weil sie nur hier die feinsten Details ihrer komplexen Partituren hörbar machen können. Gemeinsam mit Architekt Frank Gehry entwarf Toyota die 2003 eröffnete Walt Disney Concert Hall in Los Angeles. Seither ist der 62-jährige selbst ein Star und arbeitet an vielen Konzertsälen weltweit. Doch keiner ist so anspruchsvoll, so einmalig und so aufwendig wie der in der Hamburger Elbphilharmonie.

Der Raum, den Toyotas Firma Nagata Acoustics und die Architekten Herzog & De Meuron entworfen haben, wird ein optischer Genuss sein und soll in klanglicher Hinsicht zu den besten Konzertsälen der Welt zählen. Um diesen Qualitätsanspruch durchzusetzen, achtet der Meister selbst auf die Füllung der kleinsten Fugen. Wenn es sein muss, bringt er dafür eine ganze Baustelle zum Stillstand. Ab 2017 sollen im vollbesetzten großen Saal 2150 Besucher die renommiertesten Orchester der Welt genießen können. Um so viele Menschen möglichst dicht an den Klangkörper zu bringen, ist die Bestuhlung im sogenannten Weinberg-Stil konzipiert: Das Orchester spielt fast in der Mitte des Raumes, die Ränge wachsen steil nach oben, auch im Rücken der Musiker.

Da das Gebäude – auf einem ehemaligen Kaispeicher – mitten im Hafen liegt, ist die Schalldämmung ein wichtiger Aspekt der Architektur. Deshalb schwebt und schwingt der gesamte Konzertsaal mit seinem Gewicht von rund 8000 Mittelklasse-PKW wie ein Kokon – allerdings nicht an Seidenfäden, sondern als Raum im Raum durch etwa 300 Stahlfedern mit seiner Umgebung verbunden. So ist der Konzertsaal komplett von Rest des Gebäudes „entkoppelt“, wie die Akustiker sagen. Keine vorbeiratternde Hochbahn, nicht einmal das in halb Hamburg zu hörende Nebelhorn der „Queen Mary II“ soll hier vernehmbar sein.

Mit einem Volumen von 40 000 Kubikmetern ist der Saal in der Elbphilharmonie sehr groß, eine Herausforderung für die Akustiker. „Wir können die Orchester nicht größer machen als sie sind, das ist der limitierende Faktor“, sagt Toyota über das Problem, den Raum bis in die hintersten Ränge mit Klang zu füllen. Er löst das Problem mit einer Innenverkleidung, die über knapp eine Million speziell berechneter Miniformen verfügt. Dabei handelt es sich um kleine, immer wieder spitz zulaufende Wellen, die das Muster des Daches der Elbphilharmonie variieren. Diese klangentscheidende Innenverkleidung wird als „Weiße Haut“ bezeichnet. Yasuhisa Toyota lacht jedes Mal, wenn er diesen Begriff hört. Nein, nein, sagt der Akustiker, eine Haut sei doch weich und dünn. Genau das Gegenteil also von dem, was er entwickelt habe.

Die Weiße Haut, die eigentlich grau ist, umfasst 10 000 Platten aus Gifatec, einem Gemisch aus Gips und Altpapier, das am ehesten mit Beton zu vergleichen ist. Dicht, fest und sehr, sehr schwer sind die Elemente. Pro Quadratmeter wiegen sie zwischen 50 bis 150 Kilogramm. Die Unterschiede resultieren daraus, dass jede der durchschnittlich 75 mal 75 cm großen Platten einzigartig ist, nach einem komplexen Muster gefräst und für seinen speziellen Platz im Raum berechnet. Keines gleicht einem anderen. Die dichten Platten absorbieren Schall, die gefrästen feinen Rillen und wellengleichen Ausbuchtungen lenken die Schallwellen so, wie Meister Toyota es im Computer simulieren und in einem Modell im Maßstab 1:10 feinjustieren ließ. Ziel ist die totale Kontrolle des Klangs, so dass jedem der über 2000 Menschen im Saal ein perfektes Hörerlebnis garantiert ist.

Wie weit der Perfektionismus des Akustikers Toyota geht, musste Hochtief-Bereichsleiter Werner Kuhn erleben. Seit Dezember 2013 ließ der Verantwortliche für den Ausbau der Elbphilharmonie-Säle die Klangkacheln an ihr Metall-Tragwerk montieren. Eine Kärrnerarbeit, bei der vier kräftige Männer eine Platte in die Höhe stemmen, millimetergenau ausrichten und ein fünfter sie schließlich von oben verschraubt. „Eine bessere Methode gibt es nicht“, sagt Kuhn.

 

Doppelseite

Ausriss

 

Im Januar 2014 kam dann Yasuhisa Toyota nach Hamburg, um die Arbeit von Hochtief zu begutachten. Mit der Montage war der Star zufrieden, doch sein Blick fiel auf ein Detail, das bis dahin niemandem sonst aufgefallen war: das Dichtband, mit dem die durchschnittlich 5 mm schmale Fuge zwischen den Platten abgedichtet wird. Toyota hob ein Stück des Schaumstoffs vom Boden auf, führte es wie eine Mundharmonika zum Mund und blies Luft hindurch. „In dem Augenblick ahnte ich, dass wir ein Problem haben“, erinnert sich Kuhn.

Tatsächlich: Yasuhisa Toyota, der in seiner Jugend Oboe spielte, war das so angeblasene Dichtband  nicht dicht genug. Auch wenn die Fugen nur wenige Millimeter breit seien, so der Akustiker, hätten sie doch einen wichtigen Einfluss auf den Raumklang. Die technische Lösung mit dem Dichtband, bereits vor Jahren bemustert und abgesegnet, war damit vom Tisch. „Wir mussten die Arbeiten einstellen und eine neue Lösung finden“, erzählt Werner Kuhn, der sich sofort auf die Suche nach neuen Materialien machte.

In der heimischen Werkstatt baute Kuhn schließlich während eines Wochenendes drei Muster mit einer Fugenlösung, die dichteren Schaumstoff mit einer Lage Silikon kombinierte. Am Montag gingen zwei davon per Luftfracht nach Los Angeles und Tokyo, den Dependancen von Nagato Acoustics. Doch damit nicht genug. Kuhn entwickelte auch eine Methode, wie man das Silikon tief in die Fuge spritzt sowie ein Werkzeug, um es auch dort zu glätten, wo die Fugen baubedingt ungleichmäßig sind. Die Lösung fand er, nach tagelangem Probieren mit unterschiedlichsten Dingen, in einem simplen Heftstreifen, wie er in Aktenordnern zu finden ist: Richtig gebogen, kann so ein Stück Plastik flexibel durch die Fugen gleiten und das Silikon zu einer sauberen Fläche verstreichen. „So eine Lösung muss man selber finden, das macht niemand sonst“, sagt der langgediente Hochtief-Projektleiter.

Wenige Wochen nach dem Stillstand im Januar gingen die Arbeiten an der Weißen Haut weiter – letztendlich dank eines Heftstreifens. Und diesmal ist auch Perfektionist Toyota vollständig zufrieden.


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